09/09/2026
Kaum eine heimische Pflanze ist für die Tierwelt so nützlich wie der Gewöhnliche Efeu, und kaum eine wird so unbegründet bekämpft. Er blüht, wenn nichts mehr blüht. Er nährt, wenn nichts mehr nährt. Er schützt, wenn nichts mehr schützt.
Die Art in Zahlen. Gewöhnlicher Efeu (Hedera helix), Familie der Araliengewächse, einziger heimischer Vertreter dieser tropischen Pflanzenfamilie in Deutschland. Immergrüne Kletterpflanze mit Haftwurzeln. Kann mehrere Jahrhunderte alt werden und Höhen von über 20 Metern erreichen. Gelbgrüne Blüten in halbkugeligen Dolden nach der Fünferregel. Blätter wechselständig, ledrig, immergrün, mit einer Lebensdauer von etwa drei Jahren.
Zwei Zeitfenster, die den Unterschied machen. Efeu ist die einzige heimische Pflanze, die im September und Oktober in Masse blüht, wenn fast keine andere einheimische Art mehr Nektar und Pollen liefert. Für Honigbienen ist das die letzte grosse Ernte vor dem Winter. Für Schwebfliegen, solitäre Wespen und Spätlinge unter den Faltern wie Admiral und Tagpfauenauge ist es die letzte Tankstelle vor der kalten Jahreszeit. Eine Art verdient dabei besondere Erwähnung: die Efeu-Seidenbiene (Colletes hederae), eine Wildbiene, die erst 1993 wissenschaftlich beschrieben wurde und Pollen fast ausschliesslich an Efeu sammelt. Sie breitet sich in Deutschland nach Norden aus und wird immer häufiger beobachtet.
Dann, zwischen März und Mai, trägt der Efeu als einer der ersten Früchte: schwarze, kugelige Beeren von etwa acht Millimetern. Genau dann, wenn die aus Afrika zurückkehrenden Zugvögel geschwächt ankommen und Nahrung brauchen, bevor sie ihre Nester anlegen.
Was er beherbergt. Zahlreiche Vogelarten brüten im Efeu oder nutzen ihn als Deckung: Zaunkönig, Amsel, Mönchsgrasmücke, Rotkehlchen, Meisen. Die Zwergfledermaus findet im immergrünen Laub ideale Tagesquartiere, verdeckt, temperaturstabil, geschützt vor Wind.
Drei Mythen, die nicht stimmen. Erster Mythos: Efeu erwürgt Bäume. Falsch. Seine Nährwurzeln stehen in der Erde, nicht in der Rinde. Er entzieht dem Baum keinen Saft. Eine umfangreiche deutsche Studie zeigte, dass 98 Prozent der Bäume mit Efeubewuchs nach über 50 Jahren keinerlei Schäden aufwiesen. Bei einem bereits geschwächten Baum kann das zusätzliche Gewicht die Windanfälligkeit erhöhen, aber der Efeu tötet den Baum nicht.
Zweiter Mythos: Efeu zerstört Mauern. Falsch bei intaktem Mauerwerk. Auf einer gesunden, ungerissenen Fassade haftet der Efeu, ohne einzudringen, und schützt sie sogar vor Frost, Schlagregen und UV-Strahlung. Bei bereits gerissenem Mauerwerk kann er bestehende Risse erweitern. Das Problem ist dann die Mauer, nicht der Efeu.
Dritter Mythos: Efeu ist unkontrollierbar. Ein jährlicher Rückschnitt im Spätwinter genügt. Ein Nachmittag Arbeit pro Jahr.
Für den eigenen Garten. Vermehrung sehr einfach: Absenker im Frühjahr oder Herbst, oder ein Steckling von 30 Zentimetern, 20 Zentimeter tief in die Erde gesteckt. Kein Dünger nötig. Efeu verträgt jeden Boden. Wächst in den ersten Jahren langsam, dann zügig. Blüht erst nach acht bis zehn Jahren, was bedeutet: Junge Pflanzungen bieten die ökologischen Dienste noch nicht sofort.
Eine Pflanze, die blüht, wenn nichts blüht. Eine Pflanze, die mehrere Jahrhunderte lebt. Sie im Garten stehen zu lassen ist einer der einfachsten Schritte für mehr Artenvielfalt.