04/10/2026
Den heutigen Sonntagmorgen habe ich mit Karin verbracht.
Karin ist 90 Jahre alt.
Ihre Nachbarin hatte sich bei uns gemeldet, weil Karin langsam ihre Möbel verkaufen möchte. Sie will das Haus, in dem sie seit 1958 lebt, Stück für Stück leerer bekommen.
Sie lebt dort allein. Mitten im Osten, eine gute Stunde hinter Halle, irgendwo auf dem Land.
Die Möbel hat sie 1960 gekauft. Es war die erste richtige Einrichtung für das gemeinsame Haus mit ihrem Mann.
Damals sind die beiden nach Leipzig gefahren, in den Showroom der Deutschen Werkstätten Hellerau. Dort sah Karin die Möbel von Franz Ehrlich und verliebte sich sofort in den Entwurf.
„Das soll es sein“, sagte sie damals zu ihrem Mann.
Beim Abbau der Möbel rede ich meistens ein bisschen mit den Menschen. Man kommt ins Gespräch, erfährt etwas über die Stücke und über das Leben, das sich zwischen ihnen abgespielt hat.
Karin setzte sich in ihrer Stube neben mich und schaute mir zu, wie ich alles beschriftete, abbaute, sortierte und verpackte.
Wir sprachen über ihre Möbel. Über Gestaltung, Bauhaus und Geschichte. Über Franz Ehrlich, der ihre Möbel entworfen hatte. Und darüber kamen wir auf Buchenwald zu sprechen, auf Ehrlichs Haft dort und seinen Widerstand gegen den Nationalsozialismus.
Irgendwann bekam Karin Tränen in die Augen.
„Was macht ihr jungen Leute heute wieder für einen Mist. Wiederholt nicht das, was damals schon so fürchterlich war.“
Sie sagte, sie verstehe die Welt nicht mehr. Sie habe Angst.
Und dann sagte sie:
„Guckt nicht weg.“
Man müsse aufeinander aufpassen. Mitgefühl zeigen. Nicht schweigen, wenn Menschen ausgegrenzt werden. Widerstand leisten.
Während ich ihre Möbel abbaute, hatte auch ich Tränen in den Augen.
Das Geld, das Karin für die Möbel bekommt, möchte sie spenden.
„Ich brauche nichts mehr.“
Dann saß ich im Auto.
2,5 Stunden zurück nach Berlin.
Ein Haus wird ein bisschen leerer. Möbel, die mehr als 60 Jahre am selben Ort standen, beginnen eine neue Reise.
Und mein Kopf ist voll.
Mit Gedanken an Karin. An ihre Möbel. An Geschichte. Und daran, wie nah Vergangenheit plötzlich sein kann, wenn einem eine 90-jährige Frau gegenübersitzt und sagt: „Guckt nicht weg“