14/03/2026
Tagebuch eines Gastronomen – Wir sind schon ein bisschen verrückt
Dienstag.
Endlich Ruhe. Zum ersten Mal seit Wochen hört man wieder, wie ein Raum klingt, wenn niemand darin schreit, lacht oder ein Glas abstellt. Nur das leise Summen der Geräte. Fast unheimlich. So ruhig, dass man sich kurz fragt, ob etwas kaputt ist — oder ob einfach niemand mehr übrig ist.
Die letzten Wochen waren kein Alltag. Es war Ausnahmezustand.
Karneval. Sitzung nach Sitzung. Jedes Mal mehr als 300 Gäste. Ein Haus voller Menschen, voller Stimmen, voller Erwartung. Volle Theken, volle Köpfe. Menschen, Musik, Kisten Bier, die nicht mehr glasweise gingen, sondern gleich im Paket auf den Tisch wanderten. Zwei Kisten hier, drei da. Irgendwann haben wir aufgehört zu zählen. Man zählt auch nicht mehr, wenn es läuft. Man funktioniert. Trägt, kocht, zapft, lächelt. Und irgendwo zwischen Küche und Theke merkt man plötzlich, dass der eigene Körper längst aufgehört hat zu fragen, ob er noch kann.
Und irgendwann merkt man gar nicht mehr, wie müde man eigentlich schon ist.
Man merkt es erst, wenn man kurz stehen bleibt — und nicht mehr weiß, warum man gerade stehen geblieben ist.
Wir wachsen mit unseren Aufgaben. Nicht heldenhaft. Nicht elegant. Eher so, wie man wächst, wenn keine andere Wahl bleibt. Einen Schritt nach dem anderen, bis es plötzlich funktioniert und man sich hinterher fragt, wie das eigentlich gegangen ist.
Und dann, als wir dachten, schlimmer wird’s nicht mehr, kam der 14. Februar.
Valentinstag. Der Tag der Verliebten. Während draußen noch Konfetti in den Ritzen lag, war die Bude wieder gerammelt voll. Kerzen, Erwartungen, große Gefühle. Und wir mittendrin, mit einer Karte, die eigentlich zu groß für die eigene Müdigkeit war.
Rinder-Carpaccio.
Vitello tonnato.
Halber Hummer.
Entenbrust mit Rahmwirsing.
Surf & Turf mit Riesengarnelen.
Wir haben alles gegeben. Wirklich alles. Die Küche hat gebrannt, im guten Sinne. Teller raus, neuer Gang, wieder von vorne. Die Gäste glücklich, verliebt, satt. Und wir irgendwo dazwischen, mit schweren Beinen und diesem stillen Stolz, der nur kurz auftaucht, bevor der nächste Bon aus dem Drucker läuft.
Und dann kam der Sonntag.
Der Sonntag danach.
Der Tag, an dem wir alle keine Menschen mehr waren. Nur noch Bewegung aus Gewohnheit. Zombies in Kochjacken. Augen halb offen, Kopf irgendwo zwischen Kaffeemaschine und Spüle. Ich erinnere mich noch, wie ich kurz dachte, irgendjemand will mich umbringen. Vielleicht der Koch. Vielleicht der Spüler. Wahrscheinlich wollte niemand irgendwen umbringen — wir waren einfach alle fertig. Der arme Spüler. Ruhe in Frieden. Natürlich nur im übertragenen Sinne. Er lebt noch. Hoffentlich. Und wenn nicht, dann hat er wenigstens bis zum Schluss sauber gespült.
Und irgendwann merkt man: Wenn selbst der Kaffee müde aussieht, sollte man vielleicht nach Hause gehen.
Macht man natürlich nicht.
So fühlt sich Gastronomie manchmal an.
Zu viel Leben in zu wenig Zeit. Zu viele Geschichten, die gleichzeitig passieren.
Jetzt ist Dienstag. Die Jecken sind weg. Die Musik auch. Die Gläser stehen wieder ordentlich. Und trotzdem — wenn ich die Augen schließe, höre ich es noch. Stimmen aus der Steckdose. Ich höre das bunte Treiben der Jecken, die Fastnacht, die Musik, das Gebrüll. Ganz eindeutig aus der Steckdose. Als hätte jemand vergessen, den Karneval auszuschalten.
Ich mache die Augen wieder auf.
Still.
Und für einen kurzen Moment ist diese Stille fast schlimmer als der Lärm davor.
Dann frage ich mich, ob ich schon bekloppt geworden bin — oder ob das einfach passiert, wenn plötzlich wieder Platz im Kopf ist.
Morgen ist Aschermittwoch. Der Matjes wartet im Kühlhaus. Drei Filets, ein dicker Löffel Apfel-Zwiebel-Gurken-Sahnesauce, dampfende Pellkartoffeln. Die Bude wird wieder voll. Kein Platz für Spielereien. Nur konzentriert arbeiten. Ein Gericht, das nach Ruhe schmeckt, nach Boden unter den Füßen, nach dem Ende des Trubels.
Und erst danach kommt wieder Alltag.
Der schnelle Teller beginnt bei uns erst am Donnerstag. Ganz bewusst einfach. Kein Durcheinander, keine Auswahl. Nur Döppekuchen mit Apfelmus. Warm, ehrlich, satt machend. Wer möchte, bekommt eine heiße Bockwurst dazu. Mehr braucht es manchmal nicht. Nach so viel Lärm ist Einfachheit fast Luxus.
Gastronomen sind auch nur Menschen.
Wir tun nur manchmal so, als wären wir unkaputtbar.
Ich mache die Augen noch einmal zu.
Die Stimmen sind wieder da. Leiser jetzt. Weiter weg. Als würde der Karneval langsam aus dem Gebäude schleichen und die Tür hinter sich offen lassen.
Vielleicht bilde ich mir das ein.
Vielleicht auch nicht.
Das Anderswo schläft nie ganz.
Es holt nur kurz Luft.
Und irgendwo weiß ich jetzt schon, dass morgen wieder jemand hereinkommt, sich setzt und sagt:
„Na, was gibt’s heute?“
Und wir werden lächeln, als wäre nichts gewesen.