12/10/2026
RAUMAKTE NR. 11
DIE MÄNNERWOHNUNG
Silvia hatte Anna bei einem Vortrag kennengelernt und einige Zeit später angerufen. Sie war gerade dabei, eine neue Wohnung einzurichten und wollte die Räume von Anfang an vernünftig gestalten. Farben, Materialien, Möbel, Licht und Nutzung sollten zusammenpassen. Anna übernahm den Auftrag und lernte Silvia im Laufe der Planung ziemlich gut kennen.
Irgendwann kamen sie beim Schlafzimmer an. Silvia wollte dort unbedingt einen sehr großen Spiegel über dem Bett.
„Über dem Bett?“, fragte Anna.
„Ja. Den möchte er unbedingt.“
Damit kam Rolf ins Spiel.
Rolf war Geschäftsmann, handelte erfolgreich mit Autos und Motorrädern und war Silvias Geliebter. Allerdings nicht ausschließlich ihrer. Es gab noch eine zweite Frau. Silvia wusste davon. Begeistert war sie nicht, aber Rolf hatte offenbar nie behauptet, dass es nur sie gab.
Und Rolf mochte es beim Liebesspiel, sich dabei beobachten zu können.
Deshalb der Spiegel.
Für Anna war ein riesiger Spiegel direkt über dem Bett allerdings alles andere als ideal. Im Feng Shui ist eine solche große spiegelnde Fläche im Schlafbereich ausgesprochen kontraproduktiv. Ein Schlafzimmer soll Ruhe und Rückzug unterstützen. Ein Spiegel bringt zusätzliche Aktivität hinein und reflektiert jede Bewegung.
Silvia wollte trotzdem nicht darauf verzichten.
Also schlug Anna einen Stoffrollo vor, der vor dem Spiegel angebracht wurde. Wenn der Spiegel gebraucht wurde, konnte Silvia den Stoff hochziehen. Danach kam er wieder herunter und die große Spiegelfläche verschwand.
Ein ziemlich praktischer Kompromiss zwischen Feng Shui und Verwendungszweck. Und dieser Verwendungszweck spielte in diesem Schlafzimmer offensichtlich eine gewisse Rolle.u
Überhaupt wurde der Raum weniger für acht Stunden ungestörten Schlaf geplant als für andere Aktivitäten. Dafür sollte genügend Platz sein und auch die entsprechende Ausstattung fehlte nicht. Anna wurde während der Planung des Schlafzimmers zunehmend klar, dass Silvia Rolf etwas bieten wollte. Vielleicht auch etwas, das die andere Frau nicht bot. Sie wollte offenbar diejenige sein, zu der er besonders gern kam.
Als die Wohnung fertig war, war Silvia ausgesprochen zufrieden. Einige Zeit später meldete sie sich wieder. Sie hatte eine neue Idee.
Anna könne doch auch einmal Rolfs Wohnung anschauen. Sie würde ihm die Erstberatung schenken und selbstverständlich bezahlen. Und wenn daraus anschließend eine komplette Gestaltung seiner Wohnung entstehen würde, umso besser.
Rolf war einverstanden. Silvia wollte unbedingt mitkommen. Also trafen sich die drei vor seiner Wohnungstür. Rolf war sympathisch, selbstbewusst, gut aussehend und jemand, der offensichtlich Spaß am Flirten hatte. Auch bei Anna machte er da keine große Ausnahme. Nicht unangenehm, eher routiniert.
Dann betraten sie die Diele. Dort stand eine Harley. Nicht draußen vor dem Haus. Nicht in der Garage. Nicht als Bild an der Wand.
Eine echte Harley. Mitten im Eingangsbereich.
Und weil sie dort offenbar nicht einfach nur stehen sollte, hatte Rolf gleich noch eine Bar dazugebaut. „Wenn wir hier durch sind, trinken wir erst einmal noch etwas, bevor Sie wieder fahren“, sagte er zu Anna und grinste. „Na, dann schauen wir mal, ob Sie sich den Drink bis dahin noch verdienen.“ Anna sah sich um. Bei manchen Häusern braucht man erst einen Grundriss, ein ausführliches Gespräch und ein paar Stunden Zeit, um zu verstehen, wer dort lebt.
Hier reichten ungefähr fünf Sekunden: Willkommen bei Rolf.
Was allerdings überhaupt nicht zum üblichen Klischee einer Junggesellenwohnung passte: Es war ausgesprochen sauber. Keine herumliegenden Klamotten, kein Geschirr, kein Werkzeug, keine halbvolle Kaffeetasse vom Morgen. Alles war ordentlich und gepflegt. Rolf hatte sein Leben offenbar ziemlich gut organisiert. Die Küche war funktional und eher unauffällig.
Das Wohnzimmer setzte die Begrüßung aus der Diele dagegen konsequent fort. Eine große rote Ledercouch, ein wirklich großer Fernseher und eine Einrichtung, bei der man sich sofort vorstellen konnte, wie dort mehrere Männer saßen, Fußball schauten oder Motorradrennen verfolgten.
Über der Couch hatte Rolf rote Dreiecke an die Wand malen lassen. Anna betrachtete sie etwas länger.
Rot gehört im Feng Shui zum Element Feuer. Die Dreiecksform ebenfalls. Feuer steht innerhalb der fünf Elemente für die stärkste Yang-Energie. Aktivität, Bewegung, Sichtbarkeit und Dynamik. Davon gab es in diesem Wohnzimmer reichlich.
Natürlich lässt sich ein Mensch nicht anhand einiger roter Dreiecke analysieren. Aber wenn bereits in der Diele eine Harley samt Bar steht, im Wohnzimmer eine rote Ledercouch auf einen riesigen Fernseher blickt und darüber rote Dreiecke an der Wand sitzen, darf man zumindest feststellen: Dieser Mann hatte keine Angst vor zuviel Yang.
Und ganz offensichtlich gefiel ihm sein Zuhause genau so.
Die drei gingen weiter durch die Wohnung. Im Schlafzimmer wurde es auf eine ganz andere Art interessant. Dort stand ein 1,40 Meter breites Bett. Daneben ein Nachttisch. Einer!
Keine zweite Ablage. Keine zweite Leuchte. Keine zweite Seite, die irgendwie nach jemand anderem aussah.
Natürlich kann man auch zu zweit in einem 1,40 Meter breiten Bett schlafen. Aber dieser Raum vermittelte nicht gerade den Eindruck, dass Rolf schon einmal vorsorglich Platz für eine Partnerin geschaffen hatte. Nebenan lag sein Ankleidezimmer. Und das war richtig gut. Großzügig, hochwertig, ordentlich geplant. Schränke, Ablagen, alles hatte seinen Platz. Seine Hemden, seine Hosen, seine Jacken, seine Schuhe. Seine Sachen.
Von Silvia war nichts zu sehen. Von der anderen Frau ebenfalls nicht. Kein Kleid, kein Schal, keine Schublade, kein Fach, bei dem man hätte vermuten können, dass es jemand anderem gehörte. Anna sagte zunächst gar nichts dazu. Sie musste es auch nicht.
Diese Wohnung war erstaunlich deutlich. Je länger sie hindurchging, desto klarer wurde etwas: Hier fehlte nichts.
Das war der entscheidende Punkt.
Es war nicht so, dass Rolf eine Beziehung wollte und seine Wohnung noch nicht dazu passte. Es wirkte auch nicht so, als hätte er vergessen, eine zweite Person mitzudenken. Die Räume wirkten vollständig.
Für genau einen Menschen: Rolf.
Seine Freunde hatten ihren Platz. Seine Motorräder sowieso. Seine Kleidung hatte mehr als genug Platz und sein Leben funktionierte offensichtlich ganz hervorragend. Nur eine Partnerin war räumlich nicht vorgesehen. Und vermutlich war das kein Versehen.
Silvia ging währenddessen mit und hörte Anna zu.
Ob sie dieselben Dinge sah, wusste Anna nicht. Vielleicht hoffte sie darauf, dass Anna später Empfehlungen geben würde: ein größeres Bett, zwei Nachttische, etwas mehr Yin, vielleicht Veränderungen, die diese Wohnung ein wenig stärker auf Zweisamkeit ausrichten würden.
Nur hatte Rolf selbst überhaupt kein Problem formuliert. Er hatte nicht gesagt, dass ihm etwas fehlte. Er hatte auch nicht gesagt, dass er gern mit jemandem zusammenleben würde.
Seine Wohnung passte ziemlich exakt zu dem Leben, das er führte.
Der letzte Raum war das Badezimmer. Es war tatsächlich der einzige Bereich, der noch nicht renoviert worden war. Siebzigerjahrefliesen, ältere Sanitärobjekte, alles ein bisschen in die Jahre gekommen. Rolf erzählte, dass dieser Raum als Nächstes zum Umbau anstehen sollte.
Anna sah sich um. Auch hier blieb die Linie konsequent. Eine Zahnbürste. Ein Handtuch. Ein Mann.
Man hätte die Besichtigung an dieser Stelle eigentlich ganz friedlich beenden und anschließend über die komplette Planung der Wohnung sprechen können.
Dann entdeckte Silvia den Lippenstift. Er lag auf einer Ablage unterhalb des Spiegels, ein wenig versteckt. Anna hätte ihn vermutlich gar nicht weiter beachtet.
Silvia schon.
Sie nahm ihn in die Hand. „Der ist nicht von mir.“ Rolf sah sie an.
„Silvia, jetzt fang nicht an.“ „Du hast gesagt, hier schläft keine andere Frau.“
Damit war der ruhige Teil der Beratung beendet.
Innerhalb weniger Sekunden änderte sich die gesamte Stimmung. Was machte dann der Lippenstift der anderen Frau in seinem Badezimmer? Seit wann lag der dort? Wann war sie hier gewesen? Und überhaupt, was lief hier eigentlich?
Rolf antwortete. Silvia wurde lauter. Rolf ebenfalls.
Und aus einer Wohnberatung entwickelte sich in erstaunlicher Geschwindigkeit eine Auseinandersetzung, bei der Anna Dinge über Rolfs Liebesleben erfuhr, die für die weitere Planung seiner Wohnung nun wirklich nicht erforderlich waren.
Der Lippenstift war inzwischen längst nur noch der Auslöser. Silvia war auf hundertachtzig, Rolf stand ihr in nichts nach und beide warfen sich gegenseitig Dinge an den Kopf, bei denen Anna irgendwann zu dem Schluss kam, dass ihre fachliche Kompetenz hier gerade an ihre Grenzen stieß.
Sie hätte natürlich versuchen können zu vermitteln. Tat sie nicht. Anna nahm ihre Sachen und ging. Durch den Flur, vorbei am Wohnzimmer, vorbei an der roten Ledercouch, vorbei an der Harley und vorbei an der Bar. Hinter ihr wurde weiter gestritten. Der versprochene Drink fand nicht mehr statt.
Anna ging zu ihrem Auto, stieg ein und fuhr nach Hause. Die komplette Planung von Rolfs Wohnung fand ebenfalls nicht mehr statt.
Die Erstbesprechung allerdings schon. Und die stellte Anna ganz normal in Rechnung. Schließlich hatte sie ihren Termin wahrgenommen, die Wohnung besichtigt und ihre Arbeit gemacht. Dass währenddessen ein fremder Lippenstift auftauchte, lag nun wirklich nicht in ihrem Verantwortungsbereich.
Wenn Anna später an diesen Auftrag dachte, musste sie trotzdem immer wieder schmunzeln. Nicht über Silvias Verletzung. Die war durchaus nachvollziehbar. Sondern darüber, wie unglaublich deutlich diese Wohnung eigentlich gewesen war.
Silvia hatte ihr eigenes Schlafzimmer aufwendig auf einen Mann ausgerichtet, der bei sich zu Hause nicht einmal einen zweiten Nachttisch hatte. Sie hatte einen großen Spiegel über ihr Bett hängen lassen, Platz geschaffen und sich Gedanken darüber gemacht, wie sie für Rolf besonders attraktiv sein konnte.
Und Rolf? Der hatte eine Harley in der Diele. Eine Bar. Eine rote Ledercouch. Einen riesigen Fernseher. Ein Ankleidezimmer ausschließlich für sich. Ein 1,40-Meter-Bett. Einen Nachttisch. Eine Zahnbürste. Ein Handtuch. Und offenbar einen Lippenstift, der ihm nicht gehörte.
Man hätte an dieser Wohnung durchaus einiges verändern können. Das Badezimmer sowieso. Vielleicht auch etwas weniger Feuer-Energie im Wohnzimmer, andere Materialien und etwas mehr Ausgleich. Man hätte ein größeres Bett empfehlen können, zwei Nachttische, zwei Leuchten, mehr Platz im Kleiderschrank und vielleicht sogar zwei Handtuchhalter.
Aber genau darin lag die eigentliche Erkenntnis dieses Auftrags: Aus zwei Nachttischen wird noch keine Beziehung.
Räume können zeigen, wie wir leben. Sie machen sichtbar, was uns wichtig ist, wofür wir Platz schaffen und wofür nicht. Und manchmal erzählen sie ziemlich deutlich etwas, das wir eigentlich längst wissen, aber nicht unbedingt wahrhaben möchten.
Rolf hatte nie behauptet, mit Silvia zusammenleben zu wollen. Er hatte auch nicht verschwiegen, dass es eine zweite Frau gab. Seine Wohnung passte dazu. Nicht besonders romantisch. Aber ziemlich eindeutig.
Vielleicht lag Silvias eigentliches Problem deshalb gar nicht in Rolfs Wohnung. Vielleicht hoffte sie, durch ihr eigenes Schlafzimmer und später durch Veränderungen bei ihm aus einer Situation etwas anderes machen zu können, als sie war.
Das allerdings kann auch die beste Raumgestaltung nicht leisten. Anna konnte Räume verändern. Aber nicht Rolf.
Wie es mit Silvia, Rolf und der anderen Frau nach diesem Nachmittag weiterging, entzieht sich leider Annas Kenntnis. Vielleicht ist das auch ganz gut so.
DIE RAUMAKTE IN KÜRZE
Der Auftrag:
Silvia hatte ihre eigene Wohnung bereits von Anna gestalten lassen. Anschließend schenkte sie ihrem Geliebten Rolf eine Erstberatung. Daraus sollte anschließend die komplette Planung und Gestaltung seiner Wohnung entstehen.
Silvias Schlafzimmer:
Ein riesiger Spiegel über dem Bett gehörte ausdrücklich zu ihren Wünschen. Weil eine solche große Spiegelfläche im Schlafbereich aus Feng-Shui-Sicht kontraproduktiv ist, empfahl Anna einen Stoffroller davor. So konnte der Spiegel bei Bedarf genutzt und anschließend wieder verdeckt werden.
Rolfs Wohnung:
Harley und Bar in der großen Diele, rote Ledercouch, riesiger Fernseher, rote Dreiecke an der Wand und insgesamt reichlich Yangenergie. Auffällig war gleichzeitig, wie sauber, ordentlich und gepflegt die gesamte Wohnung war.
Was Anna bemerkte:
Ein 1,40-Meter-Bett, ein Nachttisch, ein Ankleidezimmer ausschließlich für Rolf, eine Zahnbürste und ein Handtuch. Die Wohnung wirkte nicht unfertig. Sie war vollständig auf genau einen Bewohner eingerichtet.
Was fehlte:
Eigentlich nichts. Zumindest nicht für Rolf.
Der Wendepunkt:
Im noch nicht renovierten Badezimmer entdeckt Silvia einen Lippenstift der anderen Frau. Aus der Wohnberatung wird innerhalb weniger Sekunden ein heftiger Streit.
Annas Entscheidung:
Sie nimmt ihre Sachen und geht. Der zuvor versprochene Drink an Rolfs Bar fällt aus. Zur geplanten Gestaltung der Wohnung kommt es ebenfalls nicht mehr.